Theodor Heuss

 

* 31. Januar 1884 in Brackenheim, † 12. Dezember 1963 in Stuttgart

Aus: Theodor Heuss, Lulu von Strauß und Torney. Ein Briefwechsel. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf-Köln, 1965


Seite 69: „… Neulich habe ich Cäsar Flaischlen kennen gelernt und hab mit einer Dame aus der Heimat einen sehr netten Nachmittag auf seiner Bude verbracht. Er hat mir auch als Mensch einen recht angenehmen und freundschaftlichen Eindruck gemacht; er ist so einer von den guten, etwas weichen, ehrlichen und lebenstüchtigen Schwaben…“

Seite 71: „… Aber was Sie über Jost Seyfried sagen, macht mir große Lust, ihn kennen zu lernen, ich glaube, das wäre ein Buch, das mir viel werden könnte. Ich will sehen, es mir in Berlin mal zu verschaffen und mir dann eventuell anzuschaffen. Ich kaufe nämlich nur Bücher, die ich kenne und die das Dreimal-Lesen lohnen…“

Seite 77: „… Den Brief an Sie hatte ich immer aufgeschoben, bis ich Ihnen schreiben könnte, daß der Jost Seyfried an die angegebene Wiesbadener Adresse abgegangen wäre – und nun ists endlich soweit. Ich hatte ihn nämlich erst allein und dann mit zwei anderen zusammen gelesen, die ebenso wie ich an dem Buch sehr viel gehabt haben… Wenn Sie Flaischlen sehen, sagen Sie ihm, Dorle, es ließe ihn jemand grüßen, und ihm danken, dem sein Buch sehr wert geworden wäre. Sie dürfen auch meinen Namen nennen…“

Seite 167: „…Wir haben heute mittag Flaischlen als Besuch gehabt, der uns seine Frau, die recht nett ist, vorführte. Denken Sie sich, der gute Cäsar hat sich, den Fünfzigern nicht mehr weit, noch zum Heiraten entschlossen und hat das vor zwei Monaten ausgeführt. Es scheint ihm vortrefflich zu bekommen…“

 

   >>> Beileidschreiben von Theodor Heuss zum Tod von Cäsar Flaischlen an seine Ehefrau Edith Flaischlen vom 31. Oktober 1920
Quelle: Theodor Heuss, Bürger der Weimarer Republik, Briefe 1918 – 1933, Herausgegeben und bearbeitet von Michael Dorrmann, K.G. Saur


„…Verehrte liebe Frau Flaischlen,
… Die Nachricht von Cäsars Tod bedeutete uns allen eine schmerzliche Erschütterung … Ich habe in der Frankfurter Zeitung kurz sein literarisches Profil zu zeichnen versucht, das Wesentliche freilich konnte vor der Öffentlichkeit nicht gesagt werden, das was mir in meinen berliner Anfängen vor anderthalb Jahrzehnten Flaischlens väterliche Freundschaft bedeutete …“

Ihr ergebener
Dr. Theodor Heuss

 

Aus dem Archiv der Stadt Ingelfingen:


Theodor Heuss
Bad Godesberg, 24.9.49
Viktorshöhe

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
Das war eine sehr freundliche Idee, dass Sie mir ein paar Flaschen des von mir sehr geschätzten Ingelfinger Weins nach Stuttgart gesandt haben.
Ich werde sie, wenn ich in meine Wohnung für ein oder zwei Tage zurückkomme, dann mit hierhernehmen und beim Trinken gern Ihrer Stadt gedenken, in der ich oft war, und in der mein Freund Cäsar Flaischlen ein so kurzes Refugium seines Alters fand.
Für die freundliche Einladung danke ich Ihnen. Es ist nur freilich sehr ungewiss, ob ich ihr folgen kann; denn in den kommenden Wochen steht das Programm vieler offizieller Besuche bei den einzelnen Länderregierungen.
Mit dankbarem Gruss
Ihr ergebener
Theodor Heuss

 

Aus: Theodor Heuss
Vor der Bücherwand, Skizzen zu Dichtern und Dichtung
Herausgegeben von Friedrich Kaufmann und Hermann Leins
Rainer Wunderlich Verlag
Hermann Leins, Tübingen 1961


CÄSAR FLAISCHLEN (1920)

Als mich ein schwäbischer Freund, aus fünfjähriger Gefangenschaft in Sibirien zurückgekehrt, besuchte, fragte er mich nach der Adresse von Flaischlen. Er wollte ihm danken. Aus der Erzählung ergab sich, daß neben Hesse wohl Flaischlens Bücher in der Bibliothek des Lagers am gesuchtesten waren. Der mir 's berichtete, wurde dabei warm. Flaischlens Lebensbejahung sei ihnen manchmal ein Stück seelischer Rettung gewesen.
Flaischlen hat diesen Besuch, der ihn gefreut hätte, nicht mehr empfangen. Seit ein paar Jahren lebte er die Sommermonate im württembergischen Franken; man hatte ihm in dem alten, unbewohnten und lange genug ungepflegten Hohenloher Schloß zu Ingelfingen ein paar Stuben gelassen. In der Heimat hat ihn jetzt der Tod überfallen, und dort fand er die letzte Stätte. In den Nachrufen, die ihm folgten, ist das Schwäbische seines Wesens stark unterstrichen worden, und um seines Menschentums habhaft zu werden, braucht man es wohl. Aber durch Jahrzehnte war sein Verhältnis zu dieser Heimat ziemlich problematisch gewesen, von beiden Seiten aus; denn er erschien, das schwäbische Epigonentum durchbrechend, zu Hause einigermaßen als fahnenflüchtig, während er selber sehr bewußt in Berlin sich geistig festsiedelte und für das engere Vaterland, vor allem auch gegen dessen Selbstgerechtigkeit, allerhand Skepsis zur Verfügung hatte. Sein Ruhm, seine »Gemeinde« sind nicht in Schwaben gewachsen. Erst in späteren Jahren ist etwas wie Heimweh bei ihm erwacht. Er fuhr nicht mehr wie sonst in den Sommerwochen an die vertrauten Stellen der Ostsee, sondern entdeckte die Hügel und Städtchen, aus deren Umzirkung er selber frühe fortgegangen.
Er wurde der Dichter der Gefangenen, die ihre Sehnsucht nach Freiheit nicht verderben lassen wollten. Er war der Dichter des deutschen Volkes geworden, das Leid trug, und dieser Weg war fast »hehlingen« gefunden worden, ganz in der Stille, ohne Reklame, ohne Cliquentum. Während des Krieges wuchsen und wuchsen die Auflagen seiner Bücher; aber niemand wird von einem »Publikumserfolg« sprechen dürfen, denn das geschah ohne alle Sensation, nachdem der Anfang zögernd genug gewesen. Woran lag das? Offenbar, daß das Werk sein bester Werber war. Flaischlen hatte niemals einen Mode-Erfolg, seine Bücher mußte man nicht gelesen haben, aber die sie lasen, hatten in ihnen etwas gefunden, was ihnen zum Besitz wurde. Und das waren nicht nur die jungen Mädchen und Burschen, die schwärmend einem idealistischen Prediger folgten oder an der Grazie kleiner lyrischer Stücke sich entzückten, sondern auch »gestandene« Menschen, die von dem männlichen Lebensernst des Dichters berührt wurden.
Von dem heiteren Glanz und reinen Rhythmus, der den besten lyrischen Arbeiten Flaischlens eigentümlich ist, möchte man vielleicht auf eine Persönlichkeit froher und sonniger Art schließen. Aber Flaischlens Gesicht war nicht zufällig ganz von tiefen Furchen durchzogen. Er hatte Humore, ein kurzes, vergnügtes Lachen, aber er war alles andere als eine das Leben mit kecker Sicherheit meisternde Natur. Schwerblütig, zäh, knorrig in seinem Wesen, im Innersten weich; gütig und besorgt, treu auch in den kleinen Dingen. Seine Heimat gab ihm den didaktischen Zug mit, der von Pedanterie nicht frei war; dies geht durch seine ganze Arbeit: das Bekennermäßige, das Menschen führen will, und das künstlerisch Gelöste, das sie befreien soll. Die Gleichsetzung von Dichtertum und Menschentum war für ihn eine entscheidende Parole. Das isolierte ihn in einer Zeit, da die Kunst theoretisch als Selbstzweck erklärt wurde. Eine jüngste Generation schleudert der reinen Kunst wieder ihre Invektiven an den Kopf und hat sich durchaus aufs Bekennerische gestellt. Aber sie wird wahrscheinlich die Linie zu diesem Mann nicht finden können und wollen. Denn der Kreis des Erlebens ist anders geworden.
Der Umfang des Erlebens bei Flaischlen, auch der Sprachschatz, ist nicht sehr groß. Bindet man ihn an die Tradition seiner Heimat, so weiß man, daß die schwäbische Dichtung in all ihrer Größe, mit wenigen Ausnahmen, unsinnlich ist; sie zielt ins Abstrakte. Das gilt auch für Flaischlens Gesamthaltung. Daneben liegt das bildhaft Gesehene und rhythmisch Gestaltete seiner Idyllen; in ihnen ist mit vorsichtig wägendem Kunstverstand alles an Ausdruck, an »Stimmung« herausgeholt, was möglich war. Jene »Gedichte in Prosa« sind keine verschwenderischen Polymeter aus Jean Pauls Überlieferung, sondern sehr sorgsam, bis zur wechselnden Interpunktion und dem Bild des gedruckten Satzes überdachte Schöpfungen. Hier war Flaischlen ein Kleinkünstler der Sprache von großer Reizsamkeit, eigenwilliger und darum auch geschlossener als bei manchen seiner Verse. In seiner Anfangszeit liegen einige Dramen, Thesenstücke, zeitlich gebunden. Er sprach manchmal von dramatischen Plänen, die Atmosphäre des Vormärz beschäftigte ihn zeitenweise; ob er zu Entwürfen oder über solche hinauskam, weiß ich nicht. Er hatte in den Jahren vor dem Krieg seine ganze Arbeitskraft auf ein umfangreiches Sammelwerk geworfen: es sollte eine von ihm bestimmte und mit charakterisierenden Einleitungen versehene Auswahl der deutschen Literatur werden, eine »Bibel der deutschen Dichtung«. Das Unterfangen fraß seine ganze Kraft, denn alle Gewissenhaftigkeit des »gelernten« Philologen, Textvergleiche, Quellennachweise, war dabei aktiv geworden. Er glaubte, das Ende der Riesenarbeit zu sehen, da kam der Krieg, und in ihm wurde die Verwirklichung zerschlagen.
Flaischlen ging aus von dem Friedrichshagener Kreis, der einmal die deutsche Dichtung revolutionieren wollte. Er hat dann durch schwierige Jahre hindurch den »Pan« geleitet und damit innerhalb der deutschen Welt den ersten Typus einer repräsentativen Kunstzeitschrift geschaffen; man soll dies Aktivum seines Werkes nicht vergessen. Aber er ist innerhalb des Berliner Treibens nie in Koterien untergegangen. Lange Jahre hauste er in seinem »Turm«, einer unwahrscheinlich hochgelegenen Wohnung, einsam und behaglich zwischen seinen Büchern und vielen guten Bildern. Unten toste die Stadt, oben war ein ferner Nachhall. Der breite Horizont ging über die Dächer. Das war seine Burg.

 

 

Theodor Heuss

Buchtipps:
Theodor Heuss,
Bürger der Weimarer Republik.
Briefe 1918 – 1933.

Herausgegeben und bearbeitet von
Michael Dorrmann, K.G. Saur

Theodor Heuss, Vor der Bücherwand. Skizzen zu Dichtern und Dichtung. Rainer Wunderlich Verlag, Hermann Leins, Tübingen, 1961, — Über Cäsar Flaischlen: Seite 230 ff.

Theodor Heuss, Erinnerungen. 1905 — 1933. Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen, 1963, — Über Cäsar Flaischlen: Seite 91 ff.

Theodor Heuss, Lulu von Strauß und Torney. Ein Briefwechsel. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf-Köln, 1965

Sieben Schwaben: ein neues Dichterbuch / Ludwig Finckh, Cäsar Flaischlen, Hermann Hesse… / mit einer Einleitung von Theodor Heuß. – Heilbronn: Salzer, 1909.

 

 

Theodor Heuss (Wikipedia)

Stiftung Bundespräsident Theodor Heuss Haus, Stuttgart

 

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