Cäsar Flaischlen

Werke

 

Das Werksverzeichnis wurde ermittelt von
Boris Eggers und ergänzt
von Brigitte Abt-Harrer.

Zur Einführung einige Gedichte
in willkührlicher Auswahl.

 

 

November

Irgendwo im Garten draußen
durch den Regen aus und ein
zwitschert leis ein Vögelein . .

irgendwo . . ich kanns nicht sehen . .
es ist alles gar so schwer . .
und es regnet immer mehr nur!

Und ich sitz und hör und horche
auf das Zwitschern hin und her
und mir ist mit einem Mal, wie
wenns ein
Gruß von meinem Liebsten wär!

Und ich sitz und hör und horch un
d kuck und lach in mich hinein . .
meinetwegen, ja! mags regnen!

meinetwegen, ja! mags schnein,
wie es will, und Winter sein! . .

still versteckt im Garten draußen
zwitschert leis ein Vögelein!


Cäsar Flaischlen
(Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921, Seite 7 – 8)

 

 

Das ist nicht Sommer mehr

Das ist nicht Sommer mehr, das ist September . . Herbst:
diese großen weichen Wolken am Himmel,
diese feinen weißen Spinnwebschleier in der Ferne
und hinter den Gärten mit den Sonnenblumen
der ringelnde Rauch aufglimmender Krautfeuer . .
und diese süße weiche Müdigkeit und diese frohe ruhige Stille überall und
trotzdem wieder diese frische, satte, erntefreudige, herbe Kraft . .
das ist nicht Sommer . . das ist Herbst.


Cäsar Flaischlen
(Von Alltag und Sonne, Gedichte in Prosa, – Tagebuchblätter –
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1920, Seite 78)

 

 

Treib’s wie du willst,
es ist nicht recht!
sei klug, sei dumm,
sei brav, sei schlecht!

Ein jedes Ding
hat jeden Zweck!
Wer immer fragt,
kommt nie vom Fleck . .

Und wer nicht selbst
ein Urteil hat
und was drauf wagt,
sitzt immer . . . patt!


Cäsar Flaischlen
(Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens,
Gesammelte Gedichte, Brief- und Tagebuchblätter aus den Jahren 1884 bis 1899
Egon Fleischel & Co, Berlin, 1917, Zwölfte Auflage, Seite 35)

 

 

Mach, was du willst, mach’s wie du willst,
nur sorg, daß es in d e i n e m Sinn als Ganzes, Volles dir gelingt
und daß nichts Fremdes dazwischen klingt!
Man nenn’s dann gut, man nenn es schlecht . . .
es habe ruhig Jeder Recht
und wer da lachen will, soll lachen . . .
Witze sind über Alles zu machen!
die einzige Frage, die da gilt,
ob einer lobt nun, oder schilt,
die einzige Frage ist: gabst du ein Eig’nes!?

Cäsar Flaischlen
(Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens,
Gesammelte Gedichte, Brief- und Tagebuchblätter aus den Jahren 1884 bis 1899
Egon Fleischel & Co, Berlin, 1917, Zwölfte Auflage, Seite 92)

 

 

Sonne, Wind und Welle

Im warmen Sande lieg ich
nackt
und brenne in der Sonne . .
und wie mit sammetweichen Tüchern flaggt der Wind mir über die gelösten Glieder.
Ich höre auf das Lied der Wellen nebenan und langsam fallen mir die Augen zu und gold- und purpurfarbene Wolken sinken auf mich nieder . .
Ich bin nicht Mensch mehr . . will nicht Mensch mehr sein . .
ich bin nur Sonne, Wind und Welle . .
ein flüchtiger Zusammenklang von Tönen . .
und wenn der Tag verrinnt am weißen Strande, verklinge ich zu neuem Lied, wie Sonne, Wind und Welle, leidlos, wunschlos in die blaue Nacht.


Cäsar Flaischlen
(Mönchguter Skizzenbuch, Sonderdruck aus Von Alltag und Sonne,
F. Fontane & Co., Berlin 1902, Seite 88)

 

 

Einem Freunde.

Du möchtest fort aus diesem grauen Norden mit seinem wolkenschweren Himmel und mit den müden Tagen seiner langen Herbste … du möchtest fort aus all dem herben Ernst und steten Kampf …
du sehnst nach Farbe dich, nach Sonne und nach Freude, nach stillen Träumen blauer Meere zu Füßen vermooster Götterbilder und zerfallener Tempel … das Herz dir wieder zu gesunden und Mut zu holen, Kraft, zu Tat und Arbeit, wie du sagst …

Ich aber glaube fast, ich weiß es besser: das frohe Land, von dem du träumst,mit immer blauem Himmel, mit lachenden Märchen, süßem Liebeslied … ich glaube, es ist nicht Italien, wie du meinst …
ich brauche dir nur ins Gesicht zu sehen, wenn du sagst, der Bann des Tages ließe dich nicht los … ich brauch nur zuzuhören, wenn du dann und wann von deinem Leben sprichst … ich brauche nur dir einmal zu begegnen, am Hügelkreuzweg droben, wenn du stehst und übers Tal hinsuchst zur Ferne …
ich weiß es besser dann, Freund, als du selbst: das frohe Land, von dem du träumst … und alle, die sich so gleich dir fortsehnen aus den langen Herbsten unseres Nordens, das frohe Land mit immer heiterem Himmel, mit farbenfreudigerem Leben und leisen Wiegenliedern blauer Meere zu Füßen vermooster Götterbilder und zerfallener Tempel …

Nein, es ist nicht Italien, wie du’s nennst und wie du wohl auch meinst … ich seh ins Auge dir und weiß es besser:
es liegt nicht vor dir …
es liegt … hinter dir!


Cäsar Flaischlen
(Von Alltag und Sonne, Gedichte in Prosa, – Rondos –
Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1920, Seite 15)

 

 

Frühling

So freu dich doch, daß es Frühling wird
und laß die Wintergedanken,
laß keimen, was der Sonnenschein
dir in die Seele will ranken.

Allüberall Alles voll Jubelgetön,
voll Mailust entgegen Genesen,
und die Luft so lau und der Himmel so blau
und die Welt so schön, o! so wunderschön,
wie sie noch nie gewesen.

Es wird schon werden, es wird schon werden!
Ein kleines Weilchen nur noch, und:
mit blühenden Rosen steht es am Weg
und küßt auf die Stirn dich mit seligem Mund.


Cäsar Flaischlen
(„Frühling und Liebe“, herausgegeben und geschmückt
von Richard Grimm, R. Voigtländer Verlag in Leipzig, 1901, Seite 5)

 

 

Mein Gehirn ist müde

Mein Gehirn ist müde,
Herz und Hand erschlafft,
längst zu Asche glühte
alle Leidenschaft
,
Mit versengten Flügeln
irrt ein dunkler Traum
geisterhaften Fluges
durch den öden Raum.

Tief im Nischenwinkel
an erloschenem Herd
kauert stumm ein Weibchen,
uralt, abgezehrt
.
Im Getäfel hämmert
heiser eine Uhr,
wie ein hartes, krankes
Husten auf dem Flur.

Durch das blinde Fenster
zuckt ein Nordlichtschein
, und mit hohlem Lachen
grinst der Tod herein.


Cäsar Flaischlen
(Aus Gesammelte Dichtungen.
Band 2: Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens. Stuttgart 1921, S. 20-21.)

 

 

Du bist alles, was ich habe,
was ich träume, laut und leis,
Wunsch und Fülle,
Sturm und Stille,
was ich bin und was ich bete,
was ich will und was ich weiß!

Über uns in wieder grünen
Wipfeln rauscht das Lied des Mai’s . .
lass, o lass mich knien, und leise
lass mich dir die Hände küssen
und dir danken, ach, mit allem,
was ich bin und was ich habe . .

lass mich knien und nimm mein Leben!
nimm es wie das Lied des Mai’s!
nimm es wie ein blühend Reis!
dir zu Preis!
du bist alles, was ich bete,
was ich will und was ich weiß!

Cäsar Flaischlen
(Mandolinchen Leierkastenmann und Kuckuck
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart und Berlin 1921, Seite 41)

 

 

Der ist mein Freund nicht, der die Sonne nicht mag ..

Die Sonne muß lieb haben, wer mein Freund sein will ..
die Sonne und das Meer
und den Wald überm Strand
und die Wiesen
und die Wolken, die darüber gehn ..
in Stille und Sturm!

Doch nicht bloß so, wie man so sagt, man habe was gern!

Es muß dir sein, was dem Vogel die Freiheit ..
es muß zu deinem Leben gehören,
es muß ein Stück von dir selber werden ..
ein Stück deiner Seele,
das du hast
mitten auch in Novemberschauern,
mitten in Mauern,
mitten in Alltags-Hast und Last!

Die Sonne muß lieb haben, wer mein Freund sein will!


Cäsar Flaischlen
(Heimat und Welt
Ausgewählte Gedichte in Vers und Prosa
Egon Fleischel & Co., Berlin 1920, Seite 67)

 

 

Vom Frühling

Februar

Schon leuchtet die Sonne wieder am Himmel
und schmilzt die Schneelast von den Dächern
und taut das Eis auf an den Fenstern
und lacht ins Zimmer: wie geht’s? Wie steht’s?

Und wenn es auch noch lang nicht Frühling,
so laut es überall tropft und rinnt…
du sinnst hinaus über deine Dächer…
du sagst, es sei ein schreckliches Wetter!
Man werde ganz krank! Und bist im Stillen
glückselig drüber wie ein Kind.

März

Sprich noch nicht vom Frühling, es ist zu früh!
So lockend die Sonne vom Himmel blitzt,
so lockend Alles glänzt und glitzt..
sprich noch nicht vom Frühling, es ist zu früh!
Es werden Tage wieder kommen,
bevor erblüht, wovon du träumst
da Alles wie vorher trostlos weh
in Regen sich begräbt und Schnee,

Tage voll Traurigkeit, Tage voll Müh…
sprich noch nicht vom Frühling, es ist zu früh!

Und doch und dennoch: mit jubelndem Lieder
grüße dies frohe befreidend Blau
über all dem farblosen Grau,
freu dich der flimmernden Mittagsstunden,
sonne das Herz dir zu keimender Kraft,
daß es dem müde machenden Winter
und seiner Enttäuschung sich wieder entrafft!

Nur warte, nur wart noch! Es wird sich erfüllen,
es wird sich erfüllen, was du ersehnt:
glutig auflodern wird es am Himmel,
über die Berge her wird es wehn
und wie donnernde Osterglocken
wird es durch die Lande gehn…
Nur warte, nur wart noch und hab Geduld!
So schön und so köstlich dies blitzende Blau
mit seinem süßen stillen Locken,
es kommen Tage noch und Wochen
farblos grau,
da Alles wie vorher trostlos weh
in Regen sich begräbt und Schnee,
Tage voll Traurigkeit, Tage voll Müh…
sprich noch nicht vom Frühling, es ist zu früh!

April

Und wenn du jetzt aufwachst morgens…
ganz leis und fein
spielt um die Dächer
der Sonnenschein,
und du bist nicht mehr müde,

wie sonst, und verzagt:
was soll nun wieder
voll Mühsal und Plag
der ganze lange endlose Tag!?

Froh und munter
geht’s ihm entgegen,
und alles ist so wunderbar
frisch und stark und hell und klar,
das ganze Leben so frei, so leicht,
daß du dich selber drüber wunderst:
von was für töricht dummen Dingen
du das Herz dir ließest zwingen,
und kaum begreifst:
mit welch erbärmlichen Kleinigkeiten
die Menschen sich das Leben verleiden …

Kleinigkeiten, ob denen es kaum
der Mühe wert, ein Wort zu verlieren,
geschweige denn tage- und wochenlang
zu quälen sich und zu schikanieren …
und vollends jetzt, da’s Frühling wird
und, wenn du aufwachst morgens,
ganz leis und fein
um die Dächer spielt
der Sonnenschein
und alles rings so wunderbar
frisch und stark und hell und klar …
wozu sich da grämen und betrüben!
nein, weg mit all den Schererei’n!
es lohnt sich da wahrlich nur: zu lieben!
es lohnt sich da wahrlich nur: froh zu sein!


Cäsar Flaischlen
(Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens,
Egon Fleischel & Co, Berlin, ab Seite 103)

 

 

Frühling

1.
Hallo, es wird Frühling!
hallo, es ist März!
hörst du den Sturm nicht,
altes Herz?! und siehst du nicht:
wie Tag um Tag nun immer heller
die Sonne durch die Wolken bricht
und wie es ringsum tropft und rinnt
und wie es zu keimen und knospen beginnt
in Tal und Höh, all-allerwärts . .
siehs doch und glaub es, altes Herz!

Siehs doch und glaub es
und rüst ihm entgegen
und schüttle ab, was dich bedrückt
und verstimmt . .
es ist so einfach alles, wenn man
selber nur es einfach nimmt!
und Sorgen und Schwarzsehn trägt nicht weit,
Zuversicht schafft es und Fröhlichkeit!

Also raffe dich auf, hallo! und tu mit
und halte Schritt
und mache dich jung wieder, altes Herz!
es wird ja doch Frühling!
es ist ja schon März!

2.
Und wiederum sag ich: Hallo, es ist Zeit!
und wenn es auch wettert mitunter
und schneit,
als wenn der Frühling noch monateweit,
es ist Zeit!
sei bereit!
noch ehe dus acht,
steht in siegender Pracht
am tiefblauen Himmel die Sonne und lacht:

Ihr habt gejammert wochein und -aus,
wenn nur der Winter erst wieder vorbei
und all die Karneval-Narretei!
man käm nicht aus Frack und aus Festen heraus
und möchte Mensch sein endlich wieder
und hinaus! . .
Und nun, und nun?! wo bleibt ihr nun
wenn euch so viel darum zu tun?

Ich bin schon immer auf dem Weg,
ich weiß schon lange wie es steht,
und wer einmal über die Felder geht,
auch wenns ihm kalt um die Nase weht,
der weiß Bescheid
und macht sich bereit
und lacht und freut sich: es ist so weit!


Cäsar Flaischlen
(Aus „Mandolinchen, Leierkastenmann und Kuckuck“,
Ein Liederbuch von Sehnsucht und Erfüllung,
Egon Fleischel & Co, Berlin, 1921, Seite 25)

 

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